Angst

Er war der beste Grosswildjäger von ganz Afrika. Er hatte schon etliche Tiere wie Löwen und Elefanten problemlos erlegt. Doch im Moment sass er auf seinem alten dunkelbraunen Schaukelstuhl, der aus Holz angefertigt worden war, in seiner kleinen Wohnstube.

Er war wirklich stolz auf sich, dass er es geschafft hatte. Er besass nämlich eine kleine Ranch und ein wenig Land drumherum. Mit seinem Schäferhund Max und seinen zwei Pferden fühlte er sich auf seiner Ranch pudelwohl. Leider gab es seiner Meinung nach nichts mehr, das ihm Angst einjagen konnte, und so gab es für ihn auch keine richtige Herausforderung mehr. Denn wer findet es schon gefährlich und riskant, kleine Tiere zu erlegen? Niemand!

So sass dieser schon etwas ältere Mann schon seit geraumer Zeit in seinem Schaukelstuhl und rauchte seine Zigarillos. Er war trotz seines Alters noch von stattlicher Figur und seine Haut war durch die Einwirkung der Sonne gebräunt. Sein Gesicht war unrasiert und Sandstaub klebte ihm überall auf der Haut. Denn er wusch sich selten. Tagelang sass er reglos da und wartete auf die Herausforderung seines Lebens. Doch sie kam nie… Bis jetzt!

Jemand kämpfte sich durch den Dschungel. Es war ein Eingeborener. Da er kein Buschmesser besass, verkratzte er sich an vielen Körperstellen seine Haut und überall auf seiner Haut waren deutliche Blutspuren zu erkennen. Er war der Sohn des Stammes-Ältesten und hatte einen Auftrag bekommen. Er sollte den grossen Jäger holen, wurde ihm befohlen… Denn erst kürzlich wurde ein Stammesmitglied vermisst und kurz darauf tot aufgefunden. Der Tote hatte grässlich ausgesehen. Denn am ganzen Körper waren grosse blutige Kratzer und sein Hals war übersät mit Bisswunden, tief und hässlich… So rannte der Eingeborene mit dem Namen „starkes Holz“ quer durch den Dschungel und zog sich viele Verletzungen zu. Es dauerte nicht lange, dann verliess er den Dschungel und musste dann nur noch ein paar Stunden durch das Grasland gehen, um sein Ziel, die Ranch zu erreichen…

Es war schon später Nachmittag, als Joe Henry, der grosse Jäger, Schritte auf seiner Veranda vernahm. Ganz gemächlich nahm er seinen alten schwarzen Revolver und wollte sich zur Türe begeben, als plötzlich „starkes Holz“ in sein Wohnzimmer hereinplatzte. Zuerst war Joe verblüfft, einen Eingeborenen in seinem Wohnzimmer vorzufinden, als „starkes Holz“ wie wild mit den Händen zu fuchteln begann und afrikanische Wörter aussprach. Joe, der die afrikanische Sprache gut beherrschte, verstand, dass der Eingeborene „starkes Holz“ hiess und dass es einen Toten gegeben haben soll, der durch ein Tier grässlich hingerichtet worden war. „Starkes Holz“ erklärte weiter, dass sein Stamm Hilfe benötige und so nur er in Frage käme.

Joe Henry, der schon lange auf solch eine Chance gewartet hatte, packte seine Flinten, Munition und was er sonst noch so brauchte in seinen alten, staubig grünen Rucksack und verliess zusammen mit dem Eingeborenen seine Ranch, um seiner grössten Herausforderung entgegenzutreten… Joe Henry stellte sich dann während des Marsches vor und „starkes Holz“ erzählte ihm, dass der Tote im Teil des Dschungels aufgefunden worden war, wo er dicht, finster und zudem noch voller Sümpfe war. Aber Joe kannte keine Angst. Schliesslich war er ein hervorragender Jäger und er würde auch dieses Tier, das für den Tod des Eingeborenen verantwortlich war, erlegen…

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit waren sie im besagten Teil des Dschungels angekommen und legten einen Rast ein. Währenddem sich „starkes Holz“ freiwillig um das Essen kümmerte, legte Joe seine Patronen wie gewohnt behutsam in die Waffen ein. So waren die Waffen schon nach kurzer Zeit geladen und allzweck bereit. Doch dieses Mal würden ihm seine Waffen nichts nützen! Denn als er aufstand und sich umblickte nach „starkes Holz“, war der Besagte nicht mehr aufzufinden. Sollte der Eingeborene etwa geflüchtet sein? Wohl kaum.

Mittlerweile war es dunkel geworden und Joe suchte den umliegenden Dschungel nach „starkes Holz“ ab. Obwohl er normalerweise kein Interesse am Leben eines Eingeborenen hatte, wollte er den Besagten finden, um dem Stamm nicht noch einen zweiten Toten melden zu müssen. Doch es würde alles anders kommen, als er es erwartet hatte. Denn plötzlich, als er sich durch den Dschungel kämpfte, vernahm er ein furchterregendes lautes Brüllen und einen entsetzlich klingenden Todesschrei… Langsam wurde es Joe mulmig im Magen. Eigentlich kannte er keine Angst, aber langsam fühlte er sich doch irgendwie ein wenig unwohl in seiner Haut!

Er verlangsamte sein Tempo und spähte von links nach rechts in die Dunkelheit. Da war nichts. Absolut nichts ausser der undurchdringbaren Schwärze der Finsternis! Er durfte jetzt einfach keine Fehler machen. Nach jedem Schritt, der keineswegs leise war, vergewisserte er sich, dass er alleine war. Plötzlich knacke ein Stück Holz und sein Herz begann zu rasen. Sein Magen verkrampfte sich und seine Hände begannen zu zittern. Erst jetzt merkte er, dass er es gewesen war, der das Stück Holz in zwei Teile getrennt hatte, da er mit seinem Fuss darauf getreten war. Er hatte noch einmal Glück gehabt. Doch jetzt war er sicher, dass ihn seine Sinne nicht mehr täuschten! In der Schwärze der Nacht, in der Dunkelheit des Dschungels bewegte sich etwas mit einem gewaltigen Tempo auf ihn zu. Erneut begann sein Puls zu steigen. Immer schneller und schneller, bis er ihn deutlich in seinen Ohren hören konnte.

Während der langen Suche nach „starkes Holz“ hatte er ständig die beiden Flinten ruhig in seinen Händen gehalten. Doch jetzt erhärtete er seinen Griff, warf die eine Flinte über die Schulter, während dem er die Andere nun fest im Griff hatte. Er legte seinen rechten Zeigefinger auf den Abzug und wollte gerade zielen, als plötzlich zwei rote Augen ein paar Meter vor ihm auftauchten. Er schoss wie wild drauflos und schrie Zeter und Mordio, als ihn das Tier mit einem gewaltigen Satz zu Boden warf. Er wehrte sich verzweifelt und das Tier, das er nun eindeutig als Puma identifizierte, schlug auf ihn ein mit seinen gewaltigen Krallen. Sein Gesicht war schon total verkratzt und blutüberströmt, als das Tier begann, die Haut des Oberkörpers aufzureissen. Er war sich bewusst, dass er nur noch wenige Sekunden zu leben hatte, krallte sich mit allerletzter Kraft an seine Flinte und schoss dem Tier direkt in den Magen…

Einen Moment später waren beide tot. Der grosse Jäger war seiner grössten Herausforderung erlegen und der Puma konnte niemanden mehr töten!

Ende

Copyright © 1998 (02.05.1998) by Chris Etterlen

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