Lust auf Risiko

Seit einer Ewigkeit suchen manche das Extreme. Sie machen es aus ganz unterschiedlichen Gründen. Einerseits, um Spass zu haben, aber auch um einen bestimmten Kick zu spüren oder sogar um mit dem Tod um die Wette zu laufen. Seit ein paar Jahren gab es eine Firma namens Adventure WORLD, deren Mitglieder ständig neue Herausforderungen suchten. Einst war es noch River Rafting auf den gefährlichsten Flüssen der Erde gewesen, bis es schliesslich einfach zu langweilig geworden war. Darauf folgten Tiefseetauchen bis in Tiefen, in die bis jetzt noch keiner vorgedrungen war, Surfen auf meterhohen Wellen während eines Orkans, die Besteigung des Mount Everest in Rekordzeit sowie Bungee-Jumping von Schwindel erregenden Höhen.

Artemus Bastreem gehörte zu denjenigen in der Gruppe, der immer verrücktere Sachen ausprobierte. Seine Freundin, Vanessa Cartwright, stand jedes Mal Todesängste aus, wenn sie wusste, dass er wieder einen Kick brauchte und mit seinem Leben spielte. Diesesmal war ein Sprung von einem der grössten Gebäude auf der Erde geplant, dem unglaublichen Empire State Building in New York.

Allerdings waren zuvor viele Vorbereitungen notwendig gewesen, damit er und seine Kollegen, Daniel Fint und George Nostrom ungeschadet und unbemerkt auf das Dach des Gebäudes gelangen und ebenso schnell auch wieder verschwinden konnten. Vanessa wollte den neuen Sprung ihres Geliebten unter keinen Umständen verpassen. Denn sie konnte nicht jedes Mal zuhause sitzen und einfach nur hoffen, dass er wieder nach Hause komme. Sie wollte sich vergewissern, dass er den waghalsigen Sprung unbeschadet überstand.

Eines Abends warteten sie also, bis das Gebäude verriegelt wurde und sich die einzelnen Sicherheitsbeamten auf ihre Posten begaben und mit ihren Rundgängen anfingen. Artemus Kollegen und er hatten einen genauen Plan erstellt und wussten, wann sie wo sein mussten, um den Sicherheitsbeamten nicht in die Quere zu kommen. Der Einstieg ins Gebäude war am schwierigsten, denn sie würden das Gebäude durch einen Lüftungsschacht betreten, dessen Zugang sich in einer Einstellhalle für Autos gleich nebenan befand. Bald schon befanden sie sich im engen Lüftungsschacht und arbeiteten sich langsam und vor allem leise voran.

Laut zu sein, konnten sie sich wirklich nicht leisten. Dann erreichte Daniel das Gitter, das er öffnen musste, um das erste Stockwerk zu betreten. Er nahm sein Sackmesser hervor, steckte seine Finger durch das Gitter und begann die Schrauben zu lösen. Ständig wanderte sein Blick jedoch auch von links nach rechts, um möglichst frühzeitig den Sicherheitsbeamten zu sehen und sich zurückzuziehen. Gesagt getan, die Schrauben befanden sich in seinen Händen, er nahm vorsichtig das Gitter und schob es nach hinten zu George, der es auf den Boden des Lüftungsschachtes legte. Daniel blickte unterdessen kurz auf seine Uhr und stellte fest, dass sie nur noch etwa 3 Minuten Zeit hätten, bis der wachsame Mann auftauchen würde. Es musste nun also ein bisschen schnell gehen. Beinahe in Windeseile waren alle vier aus dem Schacht geklettert und das Gitter wieder befestigt.

Danach versteckten sie sich in kleinen Nischen unter einem Schreibtisch und auf einer Toilette, nicht zu früh, denn schon tauchte der muskulös gebaute grosse Mann in blauer Uniform auf, liess seinen aufmerksamen Blick durch die Gänge schweifen und lief an ihnen vorbei ohne sie zu bemerken. Glück gehabt. Sie vollführten ihr Versteckspiel noch ein paar Mal und konnten sich deshalb gut nach oben voran arbeiten. Es dauerte nicht mehr lange, schon erreichten sie die Tür, die sich vom Dach des Empire State Building’s trennte.

Mit Hilfe eines speziellen Werkzeugs, das ihnen ein Kollege ausgeliehen hatte, öffneten sie die Tür und versteckten sich erneut, um vom Wachmann, der auf dem Dach seine Runden drehte, nicht entdeckt zu werden. Nach ein paar Minuten des Wartens wurde ihre Mühe belohnt und sie konnten sich an den Rand des Daches begeben. Sie kletterten mit gegenseitiger Hilfe über den unangenehm stacheligen Zaun, wobei sie dieselben Lederhandschuhe benutzten, die sie dann auch benötigen würden, um zu springen. Hinter dem Zaun gab es noch eine zwei Meter tiefer liegende Fläche, die an einen viel zu breit geratenen Fenstersims erinnerte.

Sie wussten, dass der Wächter jede Stunde einmal diesen Sims kontrollierte, da er während der übrigen Zeit den Rest des Daches genauer unter die Lupe nahm. Ihnen blieben ihrer Schätzung nach 25 Minuten, bis sie wieder verschwunden sein mussten. Ihre Sprungseile waren auf ihren Rücken aufgerollt. Es waren Sondermodelle, die nicht nur relativ dünn, sondern auch sehr dehnbar waren. Vanessa war die Einzige, die nicht springen würde. Das war klar und die anderen drei waren blitzartig fertig geworden mit den Vorbereitungen. Ihre Seile hatten sie ganz unten am Zaun befestigt. Dann gingen sie nebeneinander in die Hocke, Artemus gab seiner Freundin einen letzten sinnlichen Kuss und dann warfen sie sich alle drei nach vorne in die Tiefe.

Sie genossen das Freiheitsgefühl jedes Mal von Neuem. Das Gefühl, schwerelos in der Luft nach unten zu fallen, einfach herrlich und doch war es schliesslich immer fast zu schnell wieder zu Ende. Sie fielen immer weiter in die Tiefe, Stockwerk an Stockwerk flog an ihnen vorbei und eisiger Wind pfiff ihnen um die Ohren. Der sichelförmige Mond war versteckt hinter grossen dunklen Regenwolken und die drei Bungee-Jumper näherten sich immer mehr dem Boden. Gleich neben dem grossen Gebäude hatte ein Streifenpolizist angehalten, war ausgestiegen aus dem Dienstfahrzeug und hatte sich aus dem Zeitungsbehälter eine Zeitung genommen, in dem er einen gewissen Betrag in die Einwurf Vorrichtung für Münzen geworfen hatte. Er stand ganz gelassen da mit dem Rücken zum Gebäude und etwa 10 Meter davon entfernt. Er überblickte rasch die fettgedruckten Artikelüberschriften und schüttelte rasch den Kopf, als er mit Entsetzen feststellte, dass nicht Monica Halleri, sondern Nethan Oranta neu in den US-Senat gewählt worden war, wo er doch seine Stimme für Halleri abgegeben hatte, da er sie für in Ordnung hielt. Unterdessen näherten sich hinter ihm drei Personen aus der Luft dem Boden.

Ihre Seile hatten sich gestreckt und dehnten sich nun gerade aus, bis sie schliesslich langsam die letzten 7 Meter zum Boden zurück legten, wo Artemus kurz mit den Handoberflächen den Boden berührte. Ausser ihnen befand sich nur der Streifenpolizist in ihrer Nähe, denn sämtliche Leute waren zum grossen Football-Match gegangen. Der friedlich dastehende Polizist, der immer noch nach den neusten Nachrichten suchte, bemerkte sie nicht einmal. Nun begannen sich die drei Seile sehr schnell wieder zusammenzuziehen und so flogen sie die Hälfte des Weges wieder nach oben, bis die Seile sich schliesslich nicht mehr bewegten und sie je ein kleines Gerät am Seil befestigten, es einschalteten und sie wieder nach oben gezogen wurden mit beachtlicher Schnelligkeit. Oben angekommen, war Vanessa heilfroh ihren Geliebten immer noch unter den Lebenden zu sehen.

Sie rollten die Seile zusammen, befestigten sie wieder auf dem Rücken, als sie feststellten, dass sie nur noch wenige Minuten Zeit hatten, bis der Wächter erscheinen würde. Der Streifenpolizist war beinahe fertig mit der Zeitung, als er einen Tropfen auf seiner Stirn spürte. Begann es etwa zu regnen? Dann drehte er sich um und sah zum Dach des grossen Gebäudes hoch, wo er etwas sah, dass einem Schatten glich. Sofort griff er zu seinem Funkgerät und meldete es dem Sicherheitsbeamten in der Eingangshalle des Empire State Buildings, der kurz darauf seinem Kollegen auf dem Dach den Befehl gab, nachzusehen…


Sie begaben sich eilig zur Tür auf dem Dach und verschwanden wieder im Treppenhaus. Sie hatten wieder viel Glück, denn nur Sekunden, nachdem sie die Türe durchschritten hatten, lief der Beamte zum Rand des Daches, wo sie sich gerade noch aufgehalten hatten. Er blickte durch den Zaun hindurch, leuchtete mit seiner Taschenlampe den Sims von links nach rechts ab und meldete seinem Kollegen im Erdgeschoss, dass alles in Ordnung wäre und der Streifenpolizist sich einfach geirrt habe. Wenige Stunden später befanden sich die Mitglieder von Adventure WORLD wieder in Sicherheit. Das Verlassen des Gebäudes war nicht ganz so einfach gewesen, wie das Betreten, aber sie hatten es schlussendlich doch noch geschafft. Vanessa dachte, dass es lange gehen würde, bis er wieder eine solche verrückte Idee haben würde, doch sie irrte sich. Denn nur ein paar Wochen später erfuhr Artemus von einem Kollegen, dass er etwas Waghalsigeres gewagt habe, als Artemus je in seinem Leben.

Er war aus 200 Meter Höhe aus dem Flugzeug gesprungen mit einem Fallschirm, der sich während der ersten 50 Meter nach unten öffnete und ihn einwenig abbremste, bis er schliesslich immer noch mit viel Geschwindigkeit in Meerwasser eintauchte, wobei er einen unglaublichen Kick verspürt hatte. So liess Artemus seine Gedanken eine gewisse Zeit schweifen, bis er schliesslich auf die Idee kam, in gewisser Höhe aus einem Flugzeug zu springen, um dann nach wenigen Sekunden Flug in ein anderes Flugzeug weiter unten wieder einzusteigen. Der Kick dabei war natürlich das Flugzeug nicht zu verpassen, da man sonst ohne Fallschirm schlicht und einfach ungebremst seinem Tod entgegen flog. Als Artemus Vanessa seine Idee schilderte, war sie empört darüber. Sie wollte und sie konnte schlicht und einfach nicht mehr.

Alles hatte seine Grenzen und sie konnte nicht ihr ganzes Leben lang mit dem Gefühl leben, ihn verlieren zu müssen. So erklärte sie ihm, wenn er tatsächlich sein Leben auf diese Art und Weise noch einmal aufs Spiel setzen wollte, dann ohne sie. Sie würde sich endgültig von ihm trennen. Doch sein Entscheid war bereits getroffen und nicht mehr zu ändern. Tage darauf verliess ihn seine Freundin. Nur wenige Wochen später waren alle notwendigen Vorbereitungen getroffen und Artemus und seine beiden Kollegen befanden sich an Bord einer grossen Militärflugmaschine über dem Atlantik in einer Höhe von 400 Metern.

Die Zeit war gekommen, um zu beweisen, dass Artemus immer noch am meisten Mut aufwies. Dieses Mal hatten sie keine richtige Ausrüstung. Es kam ganz auf sie an. Schafften sie den riskanten Sprung oder würden sie mit ihrem Leben bezahlen? Sie würden nacheinander den Sprung wagen, nicht gleichzeitig. Nach weiteren vergangenen Minuten war es Artemus, der die Ausstiegsluke öffnete und sich gewaltig festhalten musste, um nicht davon gezogen zu werden. Langsam aber sicher steigerte sich in ihm wieder die Lust auf das Risiko. Er hatte keine Geduld mehr. Er gab seinen Kollegen ein Zeichen, dann warf er sich nach draussen. Er spürte ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und von glücklich sein in einer Art, wie er es bis jetzt noch nicht erlebt hatte.

Er fühlte sich wie ein junger Vogel, der erstmals seine gefederten Flügel ausstreckt und sich vom Wind tragen lässt. Sekunden verstrichen, bis Artemus das tiefer fliegende Flugzeug entdeckte und darauf zusteuerte. Der starke Wind und die immer kälter werdenden Glieder in dieser eisigen Höhe erleichterten die ganze Angelegenheit keineswegs. Immer und immer näher kam er seinem Ziel, bis er schliesslich die offene Einstiegsluke entdeckte und sich nach weiteren Sekunden des Falles hineinschwang.

Die Landung war hart und glücklicherweise wurde er von anwesenden Soldaten festgehalten, sonst wäre er aus Gründen der Gleichgewichtsstörung wahrscheinlich wieder draussen gelandet. Etwa zur selben Zeit sprang Daniel oben aus dem Flugzeug und fühlte sich fast unendlich frei. Ein Wahnsinnsgefühl stieg in ihm hoch, als er sich durch verschiedene Bewegungen mit dem Armen und Füssen durch die Luft in Richtung unteres Flugzeug bewegte. Nur noch wenige Meter trennten ihn davon, wieder Boden unter seinen Füssen zu haben.

Plötzlich gab es einen kräftigen Windstoss und hätte er nicht blitzartig reagiert und sozusagen gegengesteuert, dann hätte er die sichere Landung verpasst und seine Seele wäre schon bald in eine andere Bewusstseinsform übergegangen. Sache war aber, dass er nun, wie auch Artemus zuvor, der überglücklich strahlend auf einem Sessel angeschnallt war und dem Geschehen zusah, ebenfalls von Soldaten festgehalten wurde. Nun fehlte nur noch George.

Nostrom liess eine allerletzte Wartesekunde verstreichen und sprang dann mit einem gewaltigen Satz nach draussen. Seine Arme und Beine wirbelten wild hin und her und er hatte Mühe die Orientierung zwischen Himmel und Erde wieder zu finden, da er sich momentan im Kreis drehte. Dann schaffte er es aber doch noch und balancierte so gut wie es ging aus. Dann erblickte er das Flugzeug und steuerte darauf zu. Sekunde um Sekunde kam er seinem Ziel näher.

Doch plötzlich wurde der Wind enorm stärker und wechselte die Richtung. Obwohl George versuchte gegenzusteuern, gelang es ihm nicht mehr. Er flog ein paar Meter an seinem Ziel vorbei. Sein Herz begann zu rasen, Tränen in seinen Augen trockneten gleich wieder aus. Binnen Sekunden liess er nochmals sein Leben Revue passieren, bis er sich schliesslich so schnell der Meeresoberfläche näherte, dass er an nichts anderes mehr denken konnte und dann prallte er auch schon auf dem Wasser auf. Sämtliche Rippen und Knochen gebrochen, erlag er gleich seinen Schmerzen und glitt in den Tod.

Währenddessen waren alle an Bord des unteren Flugzeuges fassungslos schockiert. In den Augen von George’s Kollegen hatten sich unendlich viele Tränen gebildet. Daniel schrie laut auf, während Artemus sein Gesicht in den Händen verbarg und seufzte. Es war zu spät. Nun waren sie eindeutig zu weit gegangen. Dieser Verlust war unerträglich und hatte seine Folgen…
Nachdem die Beerdigung von George Nostromo stattgefunden hatte, verliessen Artemus und Daniel Adventure WORLD für immer und lebten fortan von Gelegenheitsjobs. Sie hatten endgültig genug vom Abenteuer. Denn das letzte Abenteuer hatte ihnen ihren besten Kollegen weggenommen…

ENDE

Copyright © 2000(15.11.00) by Chris Etterlen

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